Interviews
Last Update: 15.10.2001
 
 
"Sounds"-Titelstory über Chicago, Februar 1977
 
"Sounds"-Titelstory über Chicago, Februar 1977

Chicago

Manchmal sogar Menschen wie du und ich

Von Jörg Gülden

Mannoman, da hast du dich ja wieder aufn Ding eingelassen, denkst du und machst dich mit stark gemischten Gefühlen auf, die Herren von Chicago zu interviewen. Und dann entpuppten sich die vermeintlichen Heavies als ganz umgängliche Menschen, und der eine, der dir gegenübersitzt, fragt dich gar zwischen zwei Gabelbissen ganz ernst, wo man denn hier in Hamburg wohl die schönste Babyunterwäsche kaufen könne.
Dieser eine ist der Chicago-Gitarrist Terry Kath, der sich seit 'ner Weile wohl der schwierigen Aufgabe verschrieben hat, mindestens so dick wie Leslie West zu werden. Man kann regelrecht Mitleid mit ihm bekommen, wenn man mit ansehen muss, welche Fressberge er da in sich hineinzustopfen versucht. Mit ihm gekommen sind Bassist Peter Cetera, Schlagzeuger Daniel Seraphine, Percussionist Laudir De Oliveira und "Mastermind" William Guercio, der Produzent. Das Anhängsel der Fünf bilden noch diverse Frauen, Freundinnen und Kinder, und selbstverständlich sind der Ordnung halber auch noch die obligatorischen Herren und Damen der Plattenfirmen zugegen. Der Anlass des Chicago-Kurzbesuchs ist ein bisschen Promotion für die zehnte LP zu machen und das Feld für die kommende Tour zu sondieren.
Man befindet sich (selbstredend) in einer Hamburger Nobelherberge, und damit auch dem letzten Journalistenfrischling klar wird, welchen Status diese Gruppe für ihre Plattenfirma hat, ist da ein Büfett aufgetürmt, mit dem selbst der Hamburger Bürgermeister lässig drei gepflegte Neujahrsempfänge bestreiten könnte.
Aber bevor ich mich jetzt in kulinarische Einzelheiten verliere, sollte ich lieber mal ein kurzes Anekdötchen ablassen, das mein Verhältnis zu Chicago und ihrer Musik demonstriert. Im Gegensatz zu wirklich 90 Prozent meiner besten Freunde, die bei jeder neuen LP der Band in Ekstase geraten und die Dinger dann solange abnudeln, bis sie ihnen zu den Ohren rauskommen, hat mich dieses Jazz-Rock-Orchester eigentlich immer kalt gelassen, bis auf... Tja, bis auf solche Momente, wo du nach einem relaxten Land-Wochenende beim Salzinger wieder im Auto Richtung Hamburg gondelst und urplötzlich via Radio Luxemburg trotz des denkbar schlechten Empfangs eine Nummer aus dem Autoradio quäkt, die deinen sensiblen "das ist der Hit für dich"- Nerv voll trifft. Am nächsten Tag rennst du dann rum und fragst jeden: "Sag mal, kennst du 'ne Nummer, so'n Blas-Rock-Ding, bei dem der Refrain 'Feeling Stronger Every Day' lautet?" Und endlich sagt dann einer: "Klar, das ist von Chicago, und das Stück heißt sogar so!"
Tja, und dann hast du plötzlich nicht nur einen weiteren Hit, den du in deine persönliche Top Twenty einreihst, nein, du fährst sogar noch zu 'nem Festival (Scheeßel), um das Stück eventuell auch noch live genießen zu können. (Dem Genuss ging damals allerdings eine ziemliche Qual voraus, denn als Chicago endlich "Feeling Stronger Every Day" anstimmten, da fiel zunächst die Orgel aus; beim zweiten Anlauf verabschiedete sich dann der Gitarrenverstärker, und ich glaubte schon verzweifelt, dass sie's ein drittes Mal bestimmt nicht versuchen würden. Doch der dritte Versuch entschädigte dann voll für das Generve, und ich weiß noch, dass ich davon so high war, dass ich mir hinterher ziemlich einen angesoffen hab'.
Kurzum, von den ganzen Chicago-LP's - mittlerweile sind's ja zehn - haben mich immer nur ein paar Stücke, Hämmer wie "I'm A Man", "Make Me Smile", "Feeling Stronger..." oder "Once Or Twice", interessiert, und die konnten mich voll für den übrigen Brass-Rock-Pomp auf den Platten entschädigen.
Doch persönliche Vorlieben oder Abneigungen mal beiseite, diese Band ist trotz allem ein echtes Phänomen: Ende Dezember wurde auch LP Nummer 10 in den USA mit einem Platin-Album bedacht, und das heißt ganz schlicht, dass Chicago von jeder ihrer zehn Platten über eine Million Stück unters amerikanische Volk bringen konnten. Wenn das nicht phänomenal ist, dann... Und da auf den Seiten dieser Zeitschrift noch nichts Bedeutendes über diese Gruppe gestanden hat, könnte man ruhig mal was Chicago-Historisches vom Stapel lassen.

 

Die Geschichte von Chicago

Das Wort hat also zunächst Mr. Terry Kath, der sein opulentes Mahl beendet hat und nun mit diversen Slibowitz sein Magengrimmen zu bekämpfen versucht: "Wow, ein heißer Stoff, dieser Slibowitz (hustet), also ich bin jetzt 30; angefangen zu spielen habe ich zusammen mit Walter Parazaider, unserem Saxophonisten, mit etwa 14 Jahren, d.h. ich mache jetzt rund 16 Jahre Musik. Zunächst waren das alles mehr oder weniger Top-Forty-Gruppen, in denen wir die Hitparaden rauf und runter spielten, aber Mann, das übt! 1965 kam dann noch. Danny, unser Drummer, hinzu, und zu der Zeit nannten wir uns The Big Thing, davor hießen wir 'ne Zeit lang Jimmy & The Gentlemen, davor dann The Executives, und anfangs, da hatten wir für 'ne Weile überhaupt keinen Namen, da waren wir lediglich Dick Clarkes Backinggroup. Ach ja, die Shirelles haben wir auch begleitet, aber irgendwie zeichnete sich schon dieses Ding mit Chicago ab. Ich meine, wir spielten alle in verschiedenen Bands und übten nur so für uns unser eigenes Material ein, und an 'nen Namen für diese Phantomgruppe hat damals noch keiner gedacht, denn dieses Backinggroup-Ding lief noch reichlich lange. Die Drifters, Tom Jones, Peter And Gordon, Bryan Hyland, Mel Carter, The Crystals, Jay And The Americans und weiß der Teufel noch wen, das sind so die Leute, die wir damals begleitet haben. Aber wenn du das heute so rekapitulieren musst, dann kommst du total durcheinander, drum lass es mich kurz machen. Bevor Chicago startete, hießen wir 'ne Weile The Missing Links, aber Missing Links gab's damals beinahe in jeder Stadt. Dann kam der Versuch mit The Big Thing, aber da weigerten sich die Veranstalter fast immer, unseren Namen aufs Plakat zu drucken, denn The Big Thing, das war denen wohl zu hochgestochen. Ich weiß noch, ein paar haben uns sogar als The Big Sound angekündigt, das konnten sie wohl noch grade so verantworten.
Na und dann nahm unser eigenes Ding mehr und mehr Form an. Ich meine, wir hatten mittlerweile jede Menge eigenes Material, genügend Selbstvertrauen, bloß noch keinen Namen. Das Ding mit Chicago Transit Authority hat Guercio ausgeheckt. Ach ja, zu Jim Guercio muss ich noch was sagen. Der war also schon ewig dabei; damals bei Jimmy And The Gentlemen, da war er der Jimmy. Er spielte damals schon einen scharfen Bass, und ich mühte mich mit der Gitarre. Als Jim dann ausstieg, hab' ich Bass gespielt, ja, eigentlich bis zum Start von Chicago, da bin ich wieder zur Gitarre zurückgewechselt. Nun, die Idee mit Chicago Transit Authority war einfach die, den Leuten zu sagen, dass wir aus Chicago kamen und ihnen unsere Musik via Transit Authority in den Konzertsaal bringen wollten. Aber leider ging das daneben, denn da der Name so lang war, kürzten einige Zeitungsleute ihn einfach zu CTA ab, und da hat 'n Haufen Leute geglaubt, das seien zwei verschiedene Gruppen.
Wir haben uns zusammengehockt und überlegt, und plötzlich sagt einer: "He, Chicago!", und da hat's geklickt. Der Ärger war nur, dass das Cover der ersten LP schon gedruckt war, und da stand ja nun noch dick und fett Chicago Transit Authority drauf. Es hat 'ne ganze Zeit gedauert, bis auch der letzte kapiert hatte, dass es sich um ein und dieselbe Gruppe handelte. Diese Abkürzung auf Chicago erwies sich als gut, mit so 'nem kurzen Logo kann man ja viel mehr machen. Heute ist das Ding eingetragenes Warenzeichen, also gesetzlich geschützt..."
Meister Kath lässt sich noch 'ne Weile über die Vorteile von Trademarks aus und erwähnt stolz, dass Chicago ja eigentlich mehr ein industrielles Unternehmen als eine Musikgruppe sei. (In der Tat hat jeder der Band, der auch Stücke schreibt, einen eigenen Musikverlag, oder besser gesagt, eine eigene Edition bei einem Musikverlag.) Und recht stolz weist er auch noch darauf hin, dass sich solches Finanzgebaren für die Bandmitglieder ausgezahlt habe; er selbst habe sich grade vorvorgestern mal eben 'ne neue Villa in der Nähe von Palo Alto an der kalifornischen Pazifikküste erstanden. Das bringt er so ganz nebenbei, als würde Unsereiner erwähnen, er habe sich 'ne neue Abtastnadel für den Plattenspieler erworben.

 

Lieblingsstücke und die Konkurrenz

Nun wird das Szenario ein bisschen wild, denn nach und nach gesellen sich die übrigen Chicago-Mitwirkenden an unseren Tisch. Es erscheint zunächst Mr. Seraphine, der sich klein und bescheiden mit folgenden Worten vorstellt: "Hi, I'm Danny Seraphine, drummer with Chicago. Do you wart to ask me some questions?" - Aber was willst du' jemanden, der dich fragt, ob du ihn was fragen willst, noch groß fragen? Etwa ob er sein erstes Schlagzeug mal zu Weihnachten bekam? Oder noch besser, ob er noch ganz dicht sei? Was aber angesichts seiner extremen Höflichkeit eher extrem unhöflich wäre. Als dann aber Senior Oliveira und Mr. Guercio hinzukommen, wird's 'ne richtig lustige Diskussion; Tenor: Welches Stück von welcher Platte gefällt wem am besten?
Terry Kath macht den Anfang. Er ist definitiv für Nummer sieben.."Sieben", sagt er, "das war endlich perfekt!" Aus der Ecke des Zimmers meldet sich Peter Cetera, der sich schon zum zweiten Mal die Stiefel an- und auszieht (?), zu Wort. "The second one", ist sein Lieblingswerk. "Tja", wirft Terry Kath ein, "das könnte das beste sein, wenn wir da schon so gut gespielt hätten, wie wir's heute tun!" - Also doch nicht nur Business Company, doch schon Musiker, die fühlen, was sie spielen? Offensichtlich ja, denn Terry hat's jetzt gepackt: "Mann", sagt er, "du hast uns doch bei diesem Festival gehört und fandest uns gut; da müßtest du uns aber mal heute hören. Jetzt spielen wir doppelt so gut, mit der vierfachen Energie von damals. Also wenn wir die ersten LP's heute noch einmal aufnehmen würden, dann fand' ich die auch top."
Da keiner 'ne weitere LP anzubieten hat, wechselt das Thema schnell; nun geht's um die Konkurrenz, um Blood, Sweat & Tears.
"Pah, motherfuckers", grunzt Kath. "Ich hab' sie nie gemocht. Ich meine, wir waren schon zwei Jahre beisammen, bevor die das erste Mal aufgetreten sind. Was mich geärgert hat, war die Frechheit, dass die einfach losgezogen sind und 'nen Deal mit 'ner Plattenfirma gekriegt haben, bevor wir angefangen hatten. Das stank mir zwar, aber ,That's the way the balls bounce'. Aber ich hab' gewusst, dass wir's besser bringen würden, ich hab' eben 'ne Menge Selbstvertrauen. Und die Sache ist die: Wir waren so 'ne Art Steuerabschreibungs-Objekt für CBS, und Blood, Sweat & Tears, die waren Supergroup. Und? Heute, he?" - Womit dieses Thema für Terry Kath wohl erledigt wäre, denn er kommt wieder zum Thema "Chicago-LP's": "Von den Stücken her war eigentlich die erste LP die beste. Wenn wir die heute noch einmal aufnehmen würden, oh wow... Weißt du eigentlich, dass wir die komplett auf 'ner Achtspur-Maschine eingespielt haben? Stell dir die Nummern mal auf 'ner Vierundzwanzigspur-Maschine vor. Und I'm A Man', das haben wir in einem Take aufgenommen. Ich weiß noch genau, wir spielten grade im Fillmore, da rief Guercio an und meinte, das Material würd' nicht für'n Doppelalbum reichen, und er hätte noch Studiozeit für den nächsten Tag gebucht. Na, wir sind also hin und haben's in einem Sitz runtergespielt, und trotzdem ist's klasse geworden."
Jemand fragt dazwischen, ob diese Kiste mit den Doppel-LP's nicht die Band wie auch ihr Publikum überfordert habe? "Nee", meint Kath, "fürs Publikum war das O.K., denn die Leute kriegten von uns mehr Musik für weniger Geld, und für uns ging das auch in Ordnung, denn an Material hat's uns nie gemangelt. Jeder von uns ist ganz für sich in immer neue Richtungen gegangen, so dass es keine Fraktionen innerhalb der Band gibt. Cetera z.B. kann genauso gut 'nen eisenharten Rocker wie 'ne softe Nummer komponieren; das hängt davon ab, wie er sich grade fühlt:.."
"Wenn ich meine verdammten Stiefel endlich anbekäme, würd' ich mich viel besser fühlen", schreit Mr. Cetera dazwischen. "Scheiß' auf deine Stiefel", knurrt der dicke Kath, "...also Fraktionen gibt's bei uns eigentlich nicht, nur würde ich als Gitarrist manchmal die Bläser weglassen!"

 

Mike Love und die Herren von Caribou

Und dann sind wir endlich beim Thema Beach Boys, und ich, ich muss endlich auch was über das merkwürdigste Interview, das ich je geführt habe, loszuwerden. Der Interviewte war Mike Love, der umqualmt von Mengen von Räucherstäbchen und inmitten von Südfrüchtegebirgen wie eine Kassandra hockte und allerlei garen und halbgaren Unsinn von sich gab. U.a. auch den, dass Jim Guercio mit seinem Geschäftsmann-Appeal nicht so richtig zu den Beach Boys gepasst habe und ein eher lahmer Bassist sei...
"That jive turkey, white candy ass motherfucker (was zu deutsch etwa flattertruthahniger, weißzuckrig bonbonärschiger Mutterficker heißt), so 'nen Spruch kann nur Mike Love bringen", grollt Kath. "Der soll doch endlich auf den Berg gehen und wie die anderen Kühe Gras fressen!" Doch Jim Guercio ist cool geblieben: "O.K., Mike Love kann von mir aus erzählen, was er will, aber in Wahrheit sah die Sache so aus, dass die Beach Boys mit mehr als einer Million Dollar in der Kreide standen und dass sie, nachdem ich etwa zwei Jahre lang mit ihnen auf Tournee gewesen bin, runde acht Millionen Dollar eingenommen hatten!"
Kath hat noch was zu mosern: "Echt, Junge, von den Beach Boys gehören ein paar wirklich in die Klapsmühle, und der Love, der gehört definitiv dazu!"
Guercio: "Mir hat's gefallen, mit ihnen zu spielen und mit ihnen zusammen Erfolg zu haben. Die zwei Jahre, die ich dabei war, waren phantastisch, aber mit 15 BIG ONES kam der Bruch, und dieser Bruch ist nur auf Mike Loves Einfluss zurückzuführen. Sieh mal, Dennis hat auf seiner Caribou-LP vier Titel, die ursprünglich auf die Beach Boys-LP sollten, aber Mike Love war dagegen."
Kath: "Der Love denkt, er sei der allwissende Genius, und die übrigen Beach Boys glauben das allmählich auch. Ich weiß nich', wieso, und versteh' auch nicht, warum sie ihm nicht endlich mal diese Guru-Scheiße aus dem Leib geprügelt haben. Der Kerl ist doch gemeingefährlich beknackt!" Guercio: "...und wenn ich ein so verdammt lahmer Bassist gewesen wäre, dann gäb's nämlich seit zwei Jahren keine Beach Boys mehr!" Kath: "Pass auf, ich erzähl' dir noch 'ne nette Geschichte über ihn; die einzig nette, die's gibt: Weißt du, was shooting the moon ist? Das ist, wenn man den Leuten den nackten Arsch hinhält. - Also, vor langer Zeit mal, Walter (Parazaider) und ich waren mit unserer Gruppe auf Tour mit den Zombies, da haben wir denen das vorgeführt. Die hatten's noch nie gesehen und waren auch ganz scharf drauf, das sofort nach England zu importieren. So kam shooting the moon auch nach Europa. - Kurzum, wir sind also mit den Beach Boys auf Tour, und Walter und ich gondeln in unserer Limousine den Highway lang. Auf einmal taucht von hinten die Limousine von Mike Love auf und Walter meint, wir sollten ihm mal wieder, nur so aus alter Freundschaft, den Mond schießen'. O.K., wir machen das, und die Karre zieht an uns vorbei. Mike hatte übrigens seine Freundin bei sich, oder sie hatte ihn bei sich. Egal, kurz darauf überholen wir den Wagen wieder, und Walter meint, wir sollten noch einen drauflegen. Also hängt er seinen Arsch zum Fenster raus und steckt sich noch 'ne qualmende Zigarette hinten rein. Das hat sie ausgeflippt. Aber nun stell dir das vor, als uns seine Karre wieder überholt, da hängt doch tatsächlich sein weißer Flatterarsch zum Fenster raus, und hinten drin steckt 'ne Blume, hahahaha... Das zu Mike Love, und damit hätten wir auch die Beach Boys erledigt."

Doch für Jim Guercio scheint das noch nicht der Fall zu sein, denn er nimmt mich beim Arm und schleppt mich nach nebenan in ein Badezimmer. Herrn Loves Spruch scheint ihn wohl sehr gewurmt zu haben, denn nun redet er, der erfolgreiche Plattenproduzent, nicht ganz so erfolgreiche Filmproduzent und steinreiche Besitzer der berühmten Caribou Ranch-Studios, ziemlich erregt auf mich ein: "Das, was ich dir jetzt sage, habe ich noch keinem erzählt, aber Mike Love, der Kerl ist krank. Nicht nur körperlich (er hat eine Rückgratverletzung), sondern auch im Kopf. Weißt du, nicht nur dass er während der Tour dauernd versucht hat, den Chicago-Jungs die Frauen auszuspannen, er ist auch der größte Heuchler, den ich kenne. Dieses Meditations-Ding, das er vor allen Leuten abzieht, das ist nur Fassade, denn in Wirklichkeit ist er all das, was er vorgibt, nicht zu sein: geil auf Geld, geil auf große Häuser, geil auf dicke Autos und geil auf anderer Leute Weiber. Und wenn ich nur Geschäftsmann wäre, was zum Teufel hätte mich dazu bewegen können, mit der Band auf Tour zu gehen? Und so ein schlechter Bassist kann ich wohl auch nicht sein, denn schließlich haben mich ja die Beach Boys gebeten, bei ihnen einzusteigen, und nicht umgekehrt. Mensch, Mike Love ist verrückt... weißt du, ich hab' sogar noch dafür gesorgt, dass Brian endlich in psychiatrische Behandlung kam. Pah, Geschäftsmann... ich hab' mein Geld längst verdient. Nein, nein, so was wie Mike Love sollte man eigentlich nicht frei rumlaufen lassen.
Ach, was reg' ich mich auf, eigentlich bin ich nämlich nicht hierher gekommen, um Journalisten zu erzählen, dass Mike Love ein Irrer ist, sondern ich würde viel lieber Volker Schlöndorff treffen. Ich würde nämlich zu gerne in den Staaten einen Verleih für Filme aufziehen, wie Schlöndorff oder Herzog sie machen. Solche Streifen kriegt man drüben kaum oder gar nicht zu sehen..."

 

Fühl' mich stärker jeden Tag

Mit diesen Worten geleitet er mich wieder zurück in den anderen Raum, wo Terry Kath, mittlerweile von jeder Menge voller und leerer Pilsner Urquell-Flaschen umrahmt, immer noch über Chicago-LPs doziert und Senior Oliveira momentan sein einziger Zuhörer ist: "...One war die einzige Platte, die wir auf 'ner Eight-Track-Maschine gemacht haben, und daher hat sie auch 'nen völlig anderen Sound; völlig anders als jede Chicago-Platte, die folgte, und auch völlig anders als jede Platte, die zu der Zeit (68) rausgekommen ist. Vor 'ner Viertelstunde hab' ich gesagt, dass Nr. 1 und 7 für mich die besten sind, Nr. 1 wegen der Stücke und Nr. 7, weil es für meine Begriffe eine Sound-Barriere durchbrochen hat. 1, 2 und 3, die waren funky und sehr rockig, dann kam Nr. 4, was eine sehr relaxte Angelegenheit war. Ich glaube, der verschiedene Sound der Platten hat etwas mit unserem sich ändernden Lebensrhythmus zu tun, denn die Nr. 8 und die 10, die klingen ja wieder ganz anders. Und ganz anders wird auch die Nr. 11 werden, an der wir schon arbeiten. Die Platte wird wohl eher balladenhaft werden..."
Ich sag' ihm, dass er aber auch an ein "Feeling Stronger...' denken möchte, und Peter Cetera, der Komponist des Titels, der eben wieder erscheint, attestiert mir einen guten Geschmack.
Irgendwie kommt die Frage aufs Tapet, wie lange Chicago durchschnittlich für die Produktion einer LP brauchen, und Guercio meint: "Verglichen mit anderen Bands nicht lange; wenn's schnell geht, so etwa zwei Wochen, wenn's. nicht so gut läuft, auch schon mal vier Wochen. Die drei besagten Gruppen arbeiten immer völlig getrennt, das ist unser Vorteil. Die Rhythmusleute fangen an, dann folgen die Bläser, und zuletzt sind die Sänger dran." Kath grinst: "Das nennt man Arbeitsteilung! I like it..." Guercio: "Das ist auch für die jeweiligen Komponisten ein Vorteil, denn die können dank dieses Verfahrens peu a peu verfolgen, wie ihr Stück Gestalt annimmt und haben außerdem die Möglichkeit, von Overdub zu Overdub noch Korrekturen vorzunehmen." In etwas seltsam klingendem Englisch meint Senior Oliveira, es sei faszinierend für ihn, mitzubekommen, wie aus einer simplen Idee ein fertiger Song entstünde.

 

Von Brasilien nach Chicago

Ich frage ihn, wann er denn eingestiegen sei, und Kath grölt: "Vor viel zu langer Zeit." Doch mit südländischer Höflichkeit überhört Oliveira das und antwortet: "Vor drei Jahren. Ich bin für Gija eingestiegen; der war ein kubanischer Percussionist. Ich komme aus Brasilien!" Und bei diesem letzten Satz meint man, seine Brust vor Stolz schwellen zu sehen.
"Hahaha", röhrt Terry Kath, "Gija, unser weiblicher Percussionist, die Schlagzeuglesbe. Da hat doch damals 'ne deutsche Zeitung in einer Konzertbesprechung geschrieben, dass wir 'nen weiblichen Percussionspieler hätten; und das, weil Gija reichlich lange Haare hatte, hahaha..."
Oliveira meldet sich wieder zu Wort: "Bevor ich zu Chicago kam, war ich bei Sergio Mendez, und davor hab' ich in Hamburg gelebt."
Als wäre Hamburg das Stichwort gewesen, fangen die versammelten Herren Musiker nun an zu diskutieren, was man denn hier alles erstehen müsse. Kath ist, wie gesagt, und weil er wohl bald Vater wird, sehr an Babykleidung interessiert, Oliveira meint, er brauche entweder 'nen Grundig- oder 'nen Telefunken-Recorder, denn er wisse noch aus seiner Zeit in Deutschland, dass das die besten seien, und der schüchterne Mr. Seraphine meint bescheiden, dass er 'nen neuen BMW haben müsse.
Doch bevor sie zur Shopping-Tour aufbrechen, wird schnell noch ein anderes Spielchen gespielt: Oliveira spielt nun den Interviewer, Kath bleibt der Interviewte, doch lässt er sich vorher nicht nehmen, Oliveira, der auf den schönen Vornamen Laudir hört, schnell noch als Low Gear (Schneckentempo) Carrera anzukündigen.
Oliveira: "Warum sind Sie in Hamburg?"
Kath: "Um die Februar-Tour vorzubereiten. Es muss Februar sein, denn da hab' ich Geburtstag, und an dem Tag darf ich nicht zu Hause sein, haha."
Oliveira: "Warum ist die Gruppe Chicago bei CBS unter Vertrag?"
Kath: "Weil die uns ein Angebot gemacht haben, das wir nicht ablehnen konnten!"
Oliveira: "Ein unsittliches?" Kath kriegt 'nen Lachkoller, doch der Senior Oliveira schiebt schon die nächste Frage nach: "Wie lange wollen Sie noch bei der Firma bleiben?" Kath (wieder auf dem Teppich): "Keine Ahnung. Doch Mütterchen CBS ist schon reichlich schwanger. Das könnte die Geburt unserer eigenen Company bedeuten. Ich meine, wir sind schon lange auf dem Level, wo wir's könnten." - Das scheint er ernst gemeint zu haben, doch Oliveira hat noch 'ne Frage: "Was soll der Titel ,25 Or 6 To 4' bedeuten?" Kath: "Juchhu, 'ne gute Frage. Das hätte auch ,26 Or 7 To 5' heißen können, denn die Nummern bedeuten nichts anderes, als dass es fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig Minuten vor vier Uhr morgens war, als dieser Song entstand. Das flippt dich, he?"
Nach dieser umwerfenden Antwort scheint Oliveira die Nase voll zu haben, und ich kann endlich noch eine Frage loswerden, die mir schon die ganze Zeit auf der Zunge liegt; mich interessiert nämlich mal zu erfahren, wie sich die Verleihung der Ehrenmedaille der Stadt Chicago durch den Bürgermeister Richard Daley anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Gruppe Chicago mit dem hochtrabenden Spruch auf der zweiten LP "We dedicate our lives and our energies to the revolution" in Einklang bringen lässt. Richard Daley nämlich, muss man wissen, war 1968 für die Polizeiprügelorgien während des demokratischen Parteitags in Chicago mit verantwortlich, die plötzlich aus dem Summer of Love ein heimisches Vietnam machten.
"Tja", meint Kath und kratzt sich etwas betreten die Wampe, "das ist'n Ding, zu dem ich nichts sagen kann, da musst du schon Robert Lamm fragen. Der ist unser gruppeninterner Revolutionär, und diese Sprüche und auch diese ganzen Politsongs sind ausschließlich auf seinem Mist gewachsen. Mich interessiert Politik nicht einen Deut, und (er fängt schon wieder an zu grinsen) ich guck nie Fernsehen, ich lese kein Buch und auch keine Zeitung. Ehrlich gesagt kann ich überhaupt nicht lesen. Nein, aber im Ernst, dieser Polittrip, das ist Lamms Ding, und wenn wir hierher kommen im Februar, dann solltest du ihn ruhig mal diesbezüglich in die Mangel nehmen, denn ich finde, dass uns das alles mehr geschadet als genutzt hat!"
Mit diesen Worten verabschiedet sich Meister Kath, denn die Taxen, die ihn und die anderen zum Shopping bringen sollen, warten schon. -

Bleibt abzuwarten, ob sich Mr. Lamm im Februar zu seiner Revolution äußern wird. Abzuwarten bleibt auch, ob der Live-Sound der Gruppe tatsächlich noch so viel besser geworden ist, wie Terry Kath gemeint hat. Wenn ja, müssten Chicago mittlerweile eine Musikmaschine von ungeahnter Präzision sein, denn Scheeßel war, wie gesagt, schon "far out". Und last not least bleibt auch abzuwarten, ob die LP Nr. 11 den versprochenen Wandel bringen wird, oder wieder nur (meiner Meinung nach) größtenteils eine James Last-Blasmusik für sog. Progressive...

 

Vielen Dank an Nicole "Toffee" Grevecke + Bernd Brinkert für die Bereitstellung der Unterlagen
 
 
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